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Eine unglaubliche Begegnung

Bad Heiligenstadt – Pfarrer Giday Alema traut seinen Augen nicht, als plötzlich im beschaulichen Ort Bad Heiligenstadt ein vertrautes Gesicht vor ihm steht. Der Priester betreut im Norden Äthiopiens an der Grenze zu Eritrea seit Jahren eritreische Flüchtlinge, die dort in riesigen Camps leben. Zuletzt hatte der äthiopische Seelsorger den jungen Mann, der jetzt vor ihm steht, in einem dieser Lager gesehen. Das ist jetzt vier Jahre her.

Jirome G. war, wie so viele junge Menschen, unter Lebensgefahr aus Eritrea über die Grenze geflohen und hatte in Äthiopien Zuflucht gefunden. Heute lebt der 19-Jährige in Bad Heiligenstadt in einer WG mit anderen Geflüchteten und wird von Mitarbeitern des Jugendzentrums Villa Lampe betreut – ein Jugendnetzwerk, das durch die Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos und das Bistum Erfurt getragen wird. Genau dorthin ist die missio-Besuchergruppe mit Vertretern der äthiopischen Kirche unterwegs. Auch der Leiter des äthiopischen Jesuitenflüchtlingsdienstes, Mulugeta Haiybano, gehört dazu. 
 
missio-Besuchsgruppe in der Villa Lampe

Äthiopien ist nach Uganda das größte Aufnahmeland für Flüchtlinge in Afrika. Zwischen 900.000 und einer Million Geflüchtete leben in dem Land. Die meisten stammen aus dem Südsudan, Eritrea und Somalia. Die missio-Besuchergruppe unter Leitung von missio-Präsident Prälat Klaus Krämer und der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr, der die Delegation in sein Bistum eingeladen hatte, kommen schnell mit den Mitarbeitern der Einrichtung ins Gespräch – mit dabei ist auch Jirome. Dem Besuch der Äthiopier hat Jirome entgegengefiebert. "Als Jirome davon erfuhr, hat er gehofft, dass er mit den Äthiopiern in seiner Heimatsprache Tigrinya sprechen kann", berichtet Pater Wilhelm Steenken, Leiter der Villa Lampe, den Besuchern. Dass Jirome einen der Besucher persönlich kennt, nämlich Pfarrer Giday Alema, hätte der junge Eritreer nie zu hoffen gewagt.

Seit fünf Jahren arbeitet Pfarrer Giday Alema in vier riesigen Flüchtlingslagern entlang der eritreischen Grenze im Norden Äthiopiens. Der 55-Jährige möchte für die Menschen da sein, die hier oft jahrelang unter schwierigsten Bedingungen ausharren müssen. Vier Mal hatte Jirome versucht, über die gefährliche Grenze nach Äthiopien zu fliehen, ehe es schließlich gelang. Von dort aus ging es weiter in den Sudan und zwei Monate lang durch die Sahara. "Wenn wir nicht mit einem Truck gefahren sind, mussten wir laufen", erzählt Jirome mit leiser Stimme. "Unterwegs haben wir immer wieder viele Tote gesehen."
 
Endlich angekommen

Schließlich gelangte er nach Libyen und hoffte, das Schlimmste überstanden zu haben. Doch da hatte er sich getäuscht. Jirome geriet in die Fänge von Menschenhändlern, die ihn einsperrten. Mit hunderten anderen hielten sie ihn gefangen und forderten Geld. "Sie schlugen uns mit der Faust und mit Gummiriemen", berichtet Jirome. "Immer wieder zwangen sie mich, meine Mutter in Eritrea anzurufen. Sie müsse Geld schicken. 'Bezahl oder du bist tot' drohte der Anführer". Jiromes Mutter weinte am Telefon. Nach drei Monaten konnte die Familie genug Geld sammeln, um Jirome freizukaufen. Über das Mittelmeer kam er nach Italien. Seit 2017 lebt er jetzt in Heilbad Heiligenstadt in einer betreuten Wohngemeinschaft mit anderen jungen Geflüchteten aus Albanien und Syrien.

"Anfangs war es sehr schwer für mich", erzählt Jirome. "Ich fühlte mich schlecht, hatte immer wieder Albträume." Sein Betreuer, Jürgen Hagedorn, erinnert sich gut: "Er verbrachte viel Zeit in seinem Zimmer, traute sich kaum heraus. Doch jetzt geht es ihm besser." In der Wohngemeinschaft müssen alle mitanpacken. Oft spielen sie Brettspiele oder "Vier gewinnt". Mortaza aus Afghanistan, der ebenfalls in der WG lebt, möchte sein Fachabitur machen und später Informatiker werden. Jirome besucht die Hauptschule und will danach eine Ausbildung zum Automechaniker oder zum Tischler beginnen. In der Villa Lampe fühlen sich die beiden Eritreer wohl.
 

Für den Flüchtlingspfarrer aus Äthiopien ist das Treffen mit den  Jugendlichen in der Villa Lampe zu einer ganz besonderen Begegnung geworden: "Ich bin so froh, Jirome zu sehen, dass er nicht in der Wüste oder im Mittelmeer gestorben ist, sondern hier in Sicherheit lebt. Das macht mich sehr glücklich."
  
Text: Bettina Tiburzy/missio
Fotos: Hartmut Schwarzbach/missio

Die ganze Geschichte gibt's hier.
 
 
 
 
 

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